02.11.2006
Das Steinwild wurde Anfang des 19ten Jahrhunderts beinahe ausgerottet. Einzig im heutigen Gran Paradiso-Nationalpark in Italien überlebte eine kleine Population von weniger als 200 Tieren. Alle Schweizer Steinböcke stammen von wenigen Tieren aus dieser Population ab. In einer Studie wird nun untersucht, ob die schmale genetische Basis für die Abnahme der Populationsgrösse verantwortlich ist, welche in jüngster Zeit in gewissen Kolonien beobachtet werden kann.
Das Steinwild wurde Anfang des 19ten Jahrhunderts durch starke Bejagung beinahe ausgerottet. Im Wallis fiel 1809 der letzte Steinbock einem Wilderer zum Opfer. Einzig im Jagdrevier des italienischen Königs Vittorio Emanuele II., im Gebiet des heutigen Gran Paradiso-Nationalparks  in Italien, überlebte eine kleine Population von weniger als 200 Tieren. Da sich Vittorio Emanuele II. der großen Bedeutung des Erhalts der letzten Steinbockkolonie im ganzen Alpenbogen durchaus bewusst war, wurde die Kolonie erfolgreich vor Wilderei geschützt. Dadurch konnte die Kolonie bis Ende des 19ten Jahrhunderts wieder auf einige tausend Tiere anwachsen. Zwischen 1906 und 1935 wurden um die 100 Stück Steinwild (teils illegal von Wilddieben) in die beiden Schweizer Tierparks Peter & Paul (St. Gallen) und Harder (Interlaken) gebracht, mit der Absicht, ein Zuchtprogramm zu lancieren. Aus den beiden Schweizer Tierparks und dem Gran Paradiso-Gebiet wurde in den folgenden Jahren (erstmals 1911) erfolgreich Steinwild in natürliche Habitate ausgesetzt. Zum heutigen Zeitpunkt leben im gesamten Alpenbogen wieder in etwa 40’000 Steinböcke, die allesamt auf die Kolonie im Gran Paradiso-Gebiet zurückgehen.

Problematik
Nachdem die Schweizer Kolonien des Alpensteinbocks über Jahrzehnte hinweg anwuchsen, weisen gewisse Kolonien in jüngster Zeit abnehmende Bestandeszahlen auf. Mehrere Faktoren können als Gründe für diese Abnahmen in Betracht gezogen werden, zum Beispiel Klimaveränderungen, Krankheiten, genetische Probleme, Konkurrenz durch Haustiere oder suboptimale Lebensräume. Ziel einer Studie von Iris Biebach und Lukas Keller ist es, den Einfluss genetischer Probleme auf die populationsdynamischen Trends der Steinbockpopulationen quantitativ zu erforschen. Ein wesentlicher Punkt hierbei ist, dass die meisten Steinwildpopulationen in den Schweizer Alpen vier Engpässe in ihrer Populationsgrösse erfuhren, so genannte Flaschenhälse:

1.    Die Steinböcke erfuhren in Europa eine Reduktion auf einen Restbestand von weniger als 200 Tiere im Gebiet des heu-
tigen Gran Paradiso-Nationalparks.
2.    Aus der Gran Paradiso-Population wur-
den etwa 100 Tiere  in zwei Schweizer Tier-
parks gebracht, wobei sich nur geschätzte 88 Tiere erfolgreich fortpflanzten.
3.    Mit Steinböcken aus den Tierpärken wur-
den erste Kolonien in natürlichen Habi-
taten gegründet (die Kolonien Piz Albris, Augstmatthorn und Mont Pleureur  wuchsen schnell an).
4.    Die meisten heutigen Populationen in der Schweiz wurden mit Steinwild von einer dieser drei frühen, erfolgreichen natürlichen Populationen gegründet.

Die Folgen dieser Flaschenhälse sind nicht nur die Dezimierung der Bestandeszahlen, sondern auch damit verbundene genetische Konsequenzen, wie zum Beispiel genetische Drift (kleinere genetische Vielfalt und damit verbundene geringere Anpassungsfähigkeit an veränderte Umweltbedingungen, neue Krankheitserreger usw.) oder Inzucht. Die Inzucht ist ein Problem, welches vor allem bei kleinen Populationen auftritt; denn Inzucht ist die Verpaarung von verwandten Individuen. Als Folge von Inzucht kommen schädliche Mutationen vermehrt zum Ausdruck. Am ausgeprägtesten treten Inzuchteffekte bei harten Umweltbedingungen auf, das heisst, wenn die Tiere schon anderweitig unter Stress stehen (Studien an wild lebenden Vögeln haben gezeigt, dass vor allem die Tiere mit einem höheren Inzuchtgrad in einem Wintersturm gestorben sind oder eine Trockenperiode nicht überlebt haben). Inzuchtprobleme könnten daher mit verantwortlich sein für die beim Steinwild beobachteten populationsdynamischen Trends (Abnahme der Populationsgrösse). Um dies zu untersuchen, muss zunächst der Inzuchtgrad auf Populationsebene erfasst werden (mit Hilfe von molekulargenetischen Laboranalysen und populationsgenetischen Berechnungen), wozu möglichst viele Proben von Tieren aus den verschiedenen Schweizer Kolonien benötigt werden.

Erste Ergebnisse
Erste Resultate aus den Proben von 180 Tieren bestätigten, dass die genetische Variation beim Steinwild sehr gering ist, was längerfristig zu Problemen in der Anpassungsfähigkeit führen kann. Das Schweizer Steinwild weist vier genetische Gruppen auf: zwei in der Ostschweiz, eine nördlich der Rhone mit Teilen von Wallis, Waadt und Bern, sowie eine im Wallis südlich der Rhone. Diese vier Gruppen widerspiegeln exakt die Aussetzungsgeschichte: die beiden Ostschweizer Gruppen sind auf die Piz Albris-Kolonie zurückzuführen, die Gruppe nördlich der Rhone auf die Augstmatthorn-Kolonie und die Gruppe südlich der Rhone auf die Mont-Pleureur Kolonie.  Man kann also beim Schweizer Steinwild mit grosser Wahrscheinlichkeit bestimmen, von welcher der drei ursprünglichen Mutterkolonien es abstammt. Wie hoch der Inzuchtgrad bei unseren Steinwildpopulationen liegt, konnte noch nicht bestimmt werden, da noch nicht genügend Daten (Proben) vorhanden sind.

Iris Biebach & Lukas Keller
Zusammenfassung Sven Wirthner